AMNESIE

Arbeitsgedächtnis
Anterograde und retrograde Gedächtnisstörung
Episodisches und semantisches Gedächtnis
Speicherung und Abruf von Gedächtnisinhalten
Vergesslichkeit und Depression
Erhaltene Lernleistungen

 

Der Begriff Amnesie bedeutet Gedächtnisstörung. Die Hirnschädigungen, die zu schweren Gedächtnisstörungen führen, sind vorwiegend in den Schläfenlappen lokalisiert. Beim „amnestischen Syndrom“ kontrastiert die Unfähigkeit neue Informationen dauerhaft zu speichern mit erhaltenem „Arbeitsgedächtnis“, in dem Informationen kurz präsent gehalten werden können. Das Gedächtnis für lange zurückliegende Ereignisse kann ebenfalls erhalten oder aber mitbetroffen sein.

Vergesslichkeit und Verlust von Wissen und Erinnerungen sind die von Patienten und Angehörigen am häufigsten geklagten kognitiven Störungen. Ihre kognitiv neurologische Analyse zeigt jedoch, dass den als Gedächtnisstörung bezeichneten Symptomen verschiedene kognitive Mechanismen zu Grunde liegen können. Es gibt verschiedene Arten von Gedächtnis, die mehr oder minder unabhängig voneinander gestört oder erhalten sein können. Die Bezeichnungen und Definitionen der verschiedenen Arten von Gedächtnis unterscheiden sich teilweise zwischen Umgangssprache und wissenschaftlicher Definition.

Arbeitsgedächtnis

Das Arbeitsgedächtnis hält eine begrenzte Anzahl von Informationen kurzfristig im Zentrum der Aufmerksamkeit. Wenn sich die Aufmerksamkeit abwendet, verschwinden die Inhalte. Das Arbeitsgedächtnis dient weniger der langfristigen Speicherung als der momentanen Bearbeitung von Inhalten. Wenn es beeinträchtigt ist, fällt es den Patienten schwer, längere Gedankengänge zu Ende zu führen. Im Alltag wirken sie eventuell unaufmerksam und „zerstreut“.

Anterograde und retrograde Gedächtnisstörung

Die dauerhafte Speicherung und Wiedergabe von Gedächtnisinhalten kann auf zweierlei Arten gestört sein: Bei der anterograden Amnesie gelingt es den Patienten nicht, neue Inhalte aufzunehmen, während bei der retrograden Amnesie Informationen, die vor der Erkrankung schon stabil verfügbar waren, verloren gehen. Die anterograde Amnesie fällt im Alltag oft mehr auf. Die betroffenen Patenten vergessen Gesprächsinhalte und Verabredungen, wiederholen sich im Gespräch verirren sich, wenn sie in neue Umgebungen kommen und können sich Namen und Funktionen von neu kennengelernten Personen nicht einprägen.
Die retrograde Amnesie fällt in leichteren Ausprägungen Angehörigen oft wenig auf, weil man ja vertraute Menschen selten nach ihrer Vergangenheit fragt, aber schwere Ausprägungen haben gravierende Auswirkungen auf das Zusammenleben von Patienten und Angehörigen.  Der Verlust von gemeinsamen Erinnerungen und in schweren Fällen sogar des Wissens über Nahmen und Verwandtschaft der Angehörigen untergräbt die emotionale Basis für die Beziehungen zu den betroffenen Patienten.

Episodisches und semantisches Gedächtnis

Die langfristig gespeicherten Gedächtnisinhalte können in „episodisch“ und „semantisch“ klassifiziert werden. Das episodische Gedächtnis bringt Erinnerungen an einzelne Episoden des eigenen Lebens hervor. Hingegen enthält das semantische Gedächtnis allgemeingültiges Wissen über die Welt. Umgangssprachlich wird die Leistung des episodischen Gedächtnisses eher als „erinnern“ und die des semantischen als „wissen“ bezeichnet. Wissen, wozu man einen Schlüssel brauchen kann ist Teil des semantischen Gedächtnisses, aber sich zu erinnern, wo man ihn morgens hingelegt hat, fordert eine Leistung des episodischen Gedächtnisses. Wenn Menschen über ihr „schlechtes Gedächtnis“ klagen, meinen sie meist Fehler des anterograden episodischen Gedächtnisses.

Speicherung und Abruf von Gedächtnisinhalten

Die meisten Menschen kennen aus alltäglicher Erfahrung die Situation, dass nach einer ergebnislosen Suche nach einer Erinnerung diese wenig später von selbst wieder auftaucht. Wenn nur der Abruf gestört war, wird der gesuchte Inhalt auch meist wiedererkannt, wenn er der betroffenen Person vorgelegt wird. Offensichtlich war der gesuchte Inhalt gespeichert, aber der gezielte Abruf gestört. Die Unterscheidung zwischen Verlust und misslungenen Abruf ist wichtig, weil der Verlust für eine echte Gedächtnisstörung spricht, während gestörter Abruf mit erhaltenen Wiedererkennen auch durch Ablenkung, mangelhafte Anstrengung oder ineffiziente Strategien des Abrufs verursacht werden kann.

Vergesslichkeit und Depression

Es liegt im Wesen von Depressionen, dass die betroffenen Patienten einen Abfall ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit beklagen und einen weiteren Verfall bis hin zu einer Demenz befürchten. Tatsächlich sind ihre Leistungen in Prüfungen des Gedächtnisses oft reduziert. Dies muss aber nicht auf den Beginn einer Demenz hinweisen. Die schlechten Leistungen können selbst ein Symptom der Depression sein und sich normalisieren, wenn die Depression erfolgreich behandelt wurde. Insbesondere die Kombination von mangelhaftem Abruf mit erhaltener Speicherung spricht eher für Depression als für Demenz.

Erhaltene Lernleistungen

Selbst bei Patienten mit sehr schweren anterograden Gedächtnisstörungen sind Lernen und Behalten von neuen Inhalten möglich. Sie sind zwar nicht mehr in der Lage, sich einmalige Episoden zu merken, aber wenn eine Information immer wieder dargeboten wird, kann sie in dauerhaftes Wissen übergehen. Auf diese Weise können auch Patienten mit schwersten Gedächtnisstörungen wichtige Informationen erlernen und anwenden, um sich zum Beispiel in einer neuen Umgebung zurechtzufinden.