APHASIE

Aphasie und Dysarthrie
Paraphasien
Sprachautomatismen und Stereotypien
Sprachverständnis
Schreiben und Lesen
Nichtsprachliche Begleitstörungen von Aphasien
Soziale Folgen der Aphasie

 

Aphasien sind Störungen der Sprache in Folge von erworbenen Hirnschädigungen. Es gibt mehrere Varianten der Aphasien, die sich sowohl in der Qualität der Fehler als auch in der Flüssigkeit der Sprachproduktion unterscheiden. Fast immer ist neben der gesprochenen Sprache auch die Schriftsprache und neben dem sprachlichen Ausdruck auch das Sprachverständnis betroffen.

Die für die Aphasie entscheidenden Areale des Gehirns liegen in der linken Hirnhälfte. Daher ist die Aphasie oft mit anderen Symptomen der linkshirnigen Läsion wie zum Beispiel einer Lähmung der rechten Körperseite verbunden, doch ist die Aphase ein davon unabhängiges Symptom. Die häufigste Ursache der Hirnschädigung sind Schlaganfälle, doch können auch andere Schädigungen des Gehirns, wie zum Beispiel Schädel-Hirn Traumen Aphasien verursachen.

Aphasie und Dysarthrie

Das hervorstechende Symptom der Aphasie ist fehlendes oder fehlerhaftes Sprechen. In manchen Fällen ist die Ursache dafür aber nicht eine Aphasie sondern eine Dysarthrie, das heißt, einer Störung der Sprechmotorik. In diesem Fall misslingt die Koordination der am Sprechakt beteiligten Mund- und Schlundmuskeln und die produzierten Wörter werden verwaschen und undeutlich. Oft ist damit eine Störung des Schluckens verbunden, weil der Schluckakt von den gleichen Muskeln gesteuert wird wie das Sprechen. Die Dysarthrie kann zusätzlich zu einer eigentlichen Aphasie auftreten. Eine Unterscheidung gelingt, wenn man die Patienten schreiben lässt. Bei der Dysarthrie ist das Schreiben prinzipiell nicht beeinträchtigt, weil es ja von ganz anderen Muskeln gesteuert wird als das Sprechen.

Paraphasien

Entstellungen von Wörtern durch Aphasie werden als Paraphasie bezeichnet. Sie können die Lautform oder die Bedeutung des Wortes betreffen. In der Paraphasien lassen sich zumeist noch die Zielworte erkennen, die entstellt wurde. Entstellungen der Lautform (zum Kisskappe statt Gießkanne) werden als phonematische Paraphasie und Entsellungen der Wortbedutung (zum Beispiel Schildkröte statt Krokodil) als semantische Paraphasie bezeichnet. Wenn die Suche nach dem richtigen Wort ganz ergebnislos bleibt und nicht einmal eine Paraphasie produziert werden kann, entsteht eine Wortfindungspause, die zu einem Abbruch des Satzes führen kann. Andererseits kann die flüssige Aneinanderreihung von Paraphasien zu einer unverständlichen Pseudosprache führen.

Sprachautomatismen und Stereotypien

Ein für die Kommunikation besonders hinderliches Symptom sind Sprachautomatismen. Dabei produzieren die Patienten nur ein immergleiches Wort oder gar nur eine sinnlose Lautfolge (z. B. Tantan). Ein anderes schwer behinderndes Symptom sind stereotype Floskeln, die sich bei jedem Versuch passende Worte zu finden, vordrängen und differenzierte Aussagen verhindern.

Sprachverständnis

Angehörige aphasischer Patienten berichten oft, dass zwar der sprachliche Ausdruck beeinträchtigt, das Sprachverständnis aber intakt sei. Prüft man aber das Verständnis mit Aufgaben, die genaues Verständnis nicht nur von Einzelwörtern sondern von mehrteiligen Aussagen verlangen (z. B.: „Legen Sie das kleine rote Quadrat auf den großen grünen Kreis“) kommen die Patienten in beträchtliche Schwierigkeiten und machen Fehler. Die Beobachtung, dass das Sprachverständnis intakt sei, kommt daher, dass in der alltäglichen Kommunikation Aufträge von vergleichbarer Komplexität nicht isoliert gegeben werden, sondern in einen kommunikativen Kontext eingebunden sind, der die möglichen Bedeutungen des Gesagten einschränkt und verdeutlicht. Für die Kommunikation im Alltag sind diese Faktoren eine wertvolle Hilfe, sie bergen aber Gefahren, wenn bei Aufgaben, die hohe Anforderungen an exaktes Verstehen stellen, ihre Grenzen nicht berücksichtigt werden.

Schreiben und Lesen

Ausmaß und Art der Aphasie können zwischen gesprochener und geschriebener Sprache divergieren. Insbesondere wenn zusätzlich zur Aphasie auch eine Dysarthrie besteht, kann der schriftliche Ausdruck deutlich besser als der mündliche sein. Es kommt auch vor, dass Patienten, deren mündlicher Ausdruck nur aus Automatismen oder Stereotypien besteht, schriftlich verständliche Wörter hervorbringen. Andererseits können aber Schreiben und Lesen auch deutlich schwerer gestört sein als die mündliche Sprache. Die differenzierte Bewertung der kommunikativen Kanäle ist wichtig, um die kommunikativen Ressourcen der Patienten einzuschätzen und für die Therapie zu nutzen.

Nichtsprachliche Begleitstörungen von Aphasien

Natürlich ist das Leitsymptom der Aphasie die Sprachstörung. Es gibt aber viele Beobachtungen von nicht-sprachlichen Begleitstörungen. In erster Linie betreffen sie Aufgaben, die einen Abruf von Wissen aus dem semantischen Gedächtnis erfordern. Dazu gehören zum Beispiel das Zeichnen von Gegenständen aus dem Gedächtnis, die gestische Darstellung von Objekten und ihrem Gebrauch („Pantomime des Objektgebtrauchs“) und das Sortieren von Gegenständen nach einzelnen Merkmalen (z. B. Blasinstrumente versus Streichinstrumente). Eine weitere Gruppe von nicht-sprachlichen Begleitstörungen betrifft die Flexibilität der Handlungskontrolle. Manche Patienten sind im Verhalten starr und unflexibel. Wenn es ihnen zum Beispiel nicht gelingt, eine Botschaft verbal auszudrücken, kommen sie nicht auf die Idee es stattdessen mit einer Geste oder einer Zeichnung zu probieren.
Die beiden Aspekte der nicht-sprachlichen Begleitstörung greifen ineinander und erschweren Versuche, Patienten mit schweren Aphasien und fehlenden sprachlichen Ausdruck alternative Kommunikationswege über Gesten oder Zeichnen nahe zu bringen.

Soziale Folgen der Aphasie

Im gewohnten Umfeld gelingt es aphasischen Patienten und ihren Angehörigen oft, trotz schwerer Einschränkung der sprachlichen Fähigkeiten einander zu verstehen. Mit fremden Menschen, die nicht auf die Ausdrucksweise der Patienten eingestellt sind, fällt das schwerer. Darüber hinaus kann es sein, dass Patienten den Kontakt mit anderen Menschen als den engsten Angehörigen vermeiden, weil sie sich nicht bloßstellen wollen. Sie empfinden ihre Sprachstörung als einen Makel, den sie vor fremden Menschen verbergen wollen. Daher vermeiden sie die Kommunikation mit anderen Menschen als den engsten Angehörigen und professionellen Therapeuten. Diese Einschränkungen können zum sozialen Rückzug und zur Vereinsamung führen und die Lebensqualität über den eigentlichen Effekt der Sprachstörung hinaus beeinträchtigen.