NEGLECT

Die mangelhafte Zuwendung von Aufmerksamkeit zu einer Seite des Raums und des eigenen Körpers wird meist als „Neglect“ bezeichnet. Die Bezeichnung kommt vom englischen Begriff „Hemi-Neglect“, der dasselbe bedeutet wie „halbseitige Vernachlässigung“. Die englische Bezeichnung hat sich aber auch im deutschsprachigen klinischen Alltag durchgesetzt und wird oft noch weiter zu „Neglect“ verkürzt.

Neglect kann sowohl durch links- als durch rechtsseitige Läsionen verursacht werden. Er betrifft immer die der Läsion gegenüberliegende Seite des Raums und des Körpers. Die Vernachlässigung der linken Seite ist aber häufiger und hartnäckiger als die der rechten. Das Vollbild des Neglect wird vor allem in Akutstadien ausgedehnter Schlaganfälle beobachtet. Kopf und Blick der Patienten sind spontan von der gelähmten Seite weggerichtet. Auf Ansprache von der Seite der Lähmung her reagieren sie entweder gar nicht oder nur mit einer kurzen Zuwendung des Blicks, der gleich eine spontane Abwendung folgt.
Es kann auch sein, dass sie die Antwort auf eine von der gelähmten Seite her gestellte Frage an eine andere Person richten, die zufällig auf der gesunden Seite steht. Die Lage der gelähmten Gliedmaßen wird nicht beachtet und nicht korrigiert. Die Patienten lassen die gelähmte Hand über die Bettkante hängen, legen sich darauf oder lassen sie bei Körperbewegungen achtlos nachschleifen.
Wenn sie die gelähmte Hand mit der gesunden ergreifen sollen, endet die Greifbewegung an der Schulter oder überhaupt am Rumpf. Wenn sie im Rollstuhl sitzen, verdrehen sie Rumpf und Kopf zur gesunden Seite hin. Die gelähmte Hand rutscht über die Lehne nach unten, das gelähmte Bein gleitet vom Trittbrett und schleift nach.
Wenn die Patienten selbst mit dem Rollstuhl fahren, stoßen sie auf der vernachlässigten Seite gegen Türrahmen und Wände. Wenn sie essen, lassen sie auf der betroffenen Seite Speisen auf dem Teller zurück. Wenn sich das Besteck oder das Glas auf dieser Seite befinden, sehen sie es nicht.
Beim Waschen oder Rasieren vergessen sie eine Hälfte von Gesicht und Körper. Patienten, die lesen können, lesen nur die Zeilenränder, manchmal auch nur die Enden der einzelnen Wörter. Wenn sie schreiben, drängen sich die Buchstaben an den Blattrand. Beim Abzeichnen beachten sie nur eine Seite der Vorlage.

Meist mildert sich die Vernachlässigung in den ersten Wochen bis Monaten nach der Hirnschädigung. Es fallen dann nur mehr diskrete Asymmetrien auf. Zum Beispiel sitzt der Brillenbügel auf der betroffenen Seite nicht fest am Ohr oder ist die Rasur der betroffenen Seite des Gesichts nachlässiger als die der gesunden Seite.

Über die spontane Besserung hinaus kann die Zuwendung der Aufmerksamkeit zur betroffenen Seite durch Rehabilitationspflege, Ergotherapie, Physiotherapie, und visuelles Explorationstraining verbessert werden. In den Therapien lernen die Patienten, sich bewusst der betroffenen Seite zuzuwenden. Wenn sie aber im Alltag durch äußere Reize oder eigene Handlungen abgelenkt sind, kann es sein, dass sie auf die bewusste Zuwendung vergessen. Das Fehlen einer automatischen Zuwendung erhöht die Gefahr von Stürzen und Unfällen.